Andacht: Wahrheit – und was wir dafür halten

Andacht: Wahrheit – und was wir dafür halten

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Andacht: Wahrheit – und was wir dafür halten

„Denn wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild …“
(1. Korinther 13,12)

Wahrheit. Ein großes Wort. Und gerade in diesen Zeiten eines, über das viel gestritten wird.

„So ist es doch!“ „Nein, so war das ganz anders!“ „Ich kenne die Wahrheit.“

Aber ist es wirklich so einfach?

Wenn drei Menschen denselben Moment erleben, erzählen sie oft drei unterschiedliche Geschichten. Nicht, weil jemand bewusst lügt. Sondern weil wir Menschen Wirklichkeit durch unsere eigenen Erfahrungen, Gefühle und Prägungen wahrnehmen.

Der eine erlebt eine Bemerkung als humorvoll, die andere als verletzend. Die eine Entscheidung wirkt für manche mutig, für andere leichtsinnig. Was für den einen Klarheit ist, fühlt sich für den anderen wie Härte an.

Unsere Perspektive ist eben nie das ganze Bild.

Paulus beschreibt das erstaunlich modern: „Wir sehen durch einen Spiegel in einem dunklen Bild.“ Anders gesagt: Unser Blick ist begrenzt. Wir erkennen Ausschnitte, keine ganze Landschaft.

Das kann unbequem sein. Denn wir hätten es oft gern einfacher. Schwarz oder weiß. Richtig oder falsch. Wahrheit oder Irrtum.

Doch vielleicht beginnt Weisheit genau dort, wo wir anerkennen: Ich sehe etwas. Aber ich sehe nicht alles.

Und doch heißt das nicht, dass Wahrheit beliebig wäre. Dass alles irgendwie gleich gültig ist.

Als Christinnen und Christen vertrauen wir darauf: Wahrheit ist größer als unsere persönliche Sichtweise. Größer als unser momentanes Verstehen. Größer auch als unser Bedürfnis, recht zu behalten.

Vielleicht liegt genau darin eine befreiende Erkenntnis: Nicht wir müssen die ganze Wahrheit besitzen. Aber wir dürfen nach ihr suchen. Gemeinsam. Fragend. Hörend. Im Vertrauen darauf, dass Gott weiter sieht als wir.

Vielleicht hilft uns das im Alltag: weniger schnell urteilen. Mehr nachfragen. Eher zuhören als vorschnell einordnen.

Denn manchmal liegt ein Stück Wahrheit genau in der Perspektive des anderen, die uns selbst noch fehlt.

Gebet

Gott, du allein siehst das ganze Bild. Wir sehen oft nur Ausschnitte und halten sie doch schnell für die ganze Wahrheit.

Schenke uns Demut, wo wir vorschnell urteilen. Geduld, wenn Sichtweisen auseinandergehen. Mut, ehrlich zu sein. Und Liebe, die den anderen nicht kleinmacht.

Hilf uns, deine Wahrheit zu suchen – nicht im Rechthaben, sondern im aufrichtigen Miteinander.

Amen.

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